Mond(t)räume


Die Stunden / Memento mori
 
Es ist uns unbekannt, woher sie kommen.
Versperrt ist auch der Blick, wohin sie gehn.
Sie scheinen uns unendlich vorzukommen.
Und doch werden sie täglich uns genommen.
Die Stunden, Wochen, Jahre: Sie verwehn.
„Carpe diem!“ ruft mancher voller Wonnen.
„So nutze auch die Nacht!“ füg ich hintan.
Denn hat das Stundenglas erstmal begonnen,
Ist schnell der Lebenssand für uns verronnen.
Und unaufhaltsam nagt der Zeitenzahn.
Bedenkt man, dass man nicht unsterblich sein kann,
Kann dieses Wissen uns zutiefst befrein!
Ein jeder Tag fängt stets von vorne an.
Bringt neue Chancen, selbstbestimmt zu Handeln,
Und die Erkenntnis, nur ein Mensch zu sein.
Vollmond 4.0
 
Viele Sommernächte nur verschlafen.
Hoffe doch, wir werden heut belohnt!
Stehen rum mit andern Fotografen.
Nun, der wird uns doch nicht etwa strafen?
Doch dann kommt er raus, der volle Mond!
Er leuchtet rosarot, die Menge raunt.
Wer hat hier denn von der Kunst kopiert?
Mit großen Augen haben wir gestaunt.
„Das ist ein Fake!“, hat einer rausposaunt.
Wurde er digitalografiert?
Selten ist dies Bild, selbst für den Blutmond.
Das ist hier Natur, voll analog!
Sein Licht wird von den Sternen noch betont.
Schon bald verschwindet er am Horizont.
Drum sieh hin... und schreib‘s in deinen blog.

 


Liebe einer Wasserfrau

 

Stehst auf irdenem Gestein,
Mein Mann, mit festem Blick.
Tauchst dann in die Fluten ein,
Führt kein Weg zurück.

Sachte nehm ich in Empfang
Dein‘ Körper, Herz und Seele.
Tanzend, singend unterm Tang,
Nichts, was dich hier quäle!


Meeresschaum und Seegraskraut,
Blauer Mond am Firmament.

Meine Welt ist dir vertraut
Und doch noch so fremd.


Wenn ich in dein Antlitz seh‘
Ein Feuer in mir brennt
So lichterloh. Doch tut nicht weh!
Mein Wasserelement

Rettet mich vor der Gefahr.

Das Band, das uns verbindet,

Ist Liebe, wie man sie fürwahr

Bei Wasserfrauen findet.

Zur Mitternacht
 
Wenn der Vollmond hoch über den Gräbern steht
Und aus Westen ein heißer Nachtwind weht
Dann ist die Zeit der Schemen und Geister
Der Hexen und der Hexenmeister
 
Sie kommen herbei im ruchlosen Reigen
Und machen sich Schwarze Magie zu eigen
Beschwören den Satan und Dämonen
Die in finsteren Grüften wohnen
 
Mit den uralten Formeln und Wunderkraut
Wird ein bitterer Zaubertrank gebraut
Den reicht man ekstatisch im Kreis herum
Nach Brauch des Grimorium Verum
 
Sobald der Lichtbringer leibhaftig erscheint
Wird ihm eine holde Jungfrau geweiht
Die Teufelsanbeter in Schweigen gehüllt
Ihre bösen Begierden erfüllt
 
Und ist die Mondfinsternis dann vorbei
Bricht eilig die dunkle Gesellschaft entzwei 
Zurück bleiben Weihrauch und Kamille
Der Friedhof liegt wieder in Stille

 


Die Boe
Der Sommerabend ist mild und warm,
Da schlendert ein Pärchen Arm in Arm,
Am Ufer der heimischen Seen,
Den Mond und die Sterne zu sehen.

Sie lauschen der herrlichen Stille,
Dem Singen von Vogel und Grille.
Sie liegen im Gras und trinken Wein
Und wollen noch sehr romantisch sein.

Heute endet der Liebesroman.
Eine Wetterfront bahnt sich heran!
Doch ahnen sie nichts von der Wende
Und halten sich treulich die Hände.

War es eben noch hitzig und schwül
Wird die Nachtluft mit einem Mal kühl.
Dichte tiefschwarze Wolken zieh‘n auf,
Und das Unheil nimmt schnell seinen Lauf.

Dem Mädel wird kalt; es kommt Klage.
Nun verkennt er den Ernst der Lage:
„Ich glaube, das wird nicht mehr schlimmer.
Gewarnt wird vor Wetter ja immer.“

Erste Tropfen sie bald erreichen,
So suchen sie Schutz unter Eichen.
Jedoch ist es da längst schon zu spät
Denn der Ostwind wird stärker und weht

Von den Bäumen Äste und Blätter.
Er packt sie am Arm, wird zum Retter.
Als den Blick gen Himmel sie heben,
Wird klar, es kann keine mehr geben.

Ihre Flucht wird zum Scheitern gebracht;
Der Gewittersturm greift an mit Macht:
Die Böe walzt nieder, rohe Gewalt,
Sie macht auch vor den Menschen nicht halt.

Peitschender Regen schiesst auf sie ein,
Vergessen sind Küssen und der Wein,
Jetzt müssen sie ums Leben ringen;
Sich schnellstens in Sicherheit bringen.

Ein paar Minuten, dann ist‘s vorbei.
Am Boden da liegt ein Baum, entzwei.
Darunter die beiden, leblos und stumm.
Die Böe zieht weiter, kehrt nimmermehr um.
Yggdrasil
Hier weilst du nun, vergessner Schatten,
dem Mondlicht deiner Welt entraubt.
Du träumst von den vergangnen Taten
und Göttern, die an dich geglaubt.
Herausgerissen aus dem Äther,
aus Raum und Zeit, dem ganzem All,
strahlt deine Kraft Jahrtausend später
als Leuchten in der Nacht. Fanal
für den Prozess des Lebenswerdens,
für Wandel, Umbruch, Neubeginn.
Und spendet Trost, damit auf Erden
die Sterblichen erfahren Sinn.